08.12.2025, Montagmorgen. Und dann auch noch kurz vor dem Monatsabschluss, der 10. naht. Die Mails schlafen nicht. Ich auch nicht wirklich. Mein kleines Frühstücks‑Ritual hält die Flut: Das Dringende zuerst, der Rest kommt in eine geduldige Warteschlange. Es ist ein Tanz zwischen Dringendem und Wichtigem. Heute gewinnt das Wichtige.
Houman sitzt neben mir im Auto. Er wirkt ruhig, aber für einen Montag redet er viel. Ich mag dieses leise Mitfiebern, das sich tarnt wie Smalltalk. Er möchte nicht interviewt werden, sagt er, und ich nicke. Fair. Ich gehe derweil in Gedanken die möglichen Fragen durch, wie man es eben macht, wenn man weiß, dass gleich jemand mitschreibt. Meine Haare spielen Sturm an den Schläfen. Diese eine Strähne links ist heute eine kleine Revolution.
An der Grundschule Hasenheide sind die anderen schon da. Thilo Eggerbauer, ein junger Mann und Volontär, ist pünktlich, höflich, offen. Später kommt Eva Gaupp, die Redakteurin. Aber eigentlich… eigentlich geht es heute nicht um die Presse. Nicht wirklich. Es geht um das Gefühl, eine Leseecke zu betreiben.
Wir gehen los. Die Kinder werden in kleinen Gruppen aus den Klassen geholt. Türen klicken, Jacken rascheln, irgendwo lacht jemand zu hell für diese Uhrzeit. Überall im Gebäude bilden sich kleine Inseln: Tische, Stühle, bunte Couchinseln. Ein Kind zieht kurz die Unterlippe ein, als ob es das schwierige Wort zwischen den Zähnen festhalten will. Eine Ehrenamtliche, ruhige Hände, helles Lächeln, tippt mit dem Finger sanft auf die Zeile, wartet, wartet, lässt. Und ich spüre, wie die Aufregung aus meinem Bauch in die Schuhe rutscht und dort stehen bleibt. Die Aufregung ist weg.
Erst bin ich erleichtert, dann erschrocken über mich selbst, dann frei. Ich rede plötzlich nicht mehr aus dem Kopf, sondern aus meiner Seele. Über unser Projekt, das ich liebe. Ein Teil von mir denkt: Oh Gott, bist du jetzt die abgebrühte Variante von dir selbst? Authentisch auf Knopfdruck? Das kratzt einen Moment an mir, wie ein kleiner Riss, der kurz wehtut. Und genau in dem Augenblick begreife ich: nein, es ist nicht die Routine! Es ist die Ruhe, die hier liegt. Sie kommt nicht vom Performen, sie kommt vom Ergebnis.
Ich sehe die Kinder. Ich sehe die Kolibris, unsere Ehrenamtlichen. Sie sind “bei‑sich”. Sie lesen miteinander, nicht nebeneinander. Sie profitieren. Man spürt das: nicht als Statistik, sondern als Raumtemperatur. Gutes Empfangen und Gutes Tun treffen sich hier auf einem Stuhl, an einer Tischkante, in einem Atemzug. Und weil das so ist, kann ich atmen. Darum rede ich frei. Nicht weil ich es gelernt habe, sondern weil es stimmt.
Wir gehen Station für Station. Thilo Eggerbauer stellt gute Fragen, präzise, freundlich. Ich antworte knapp, Ehrhard ist eine tolle Unterstützung. Er wirkt beflügelt, man hört den Stolz aus jeder Silbe. Es ist mir wichtig, dass er dabei ist. Führung und Verantwortung liegen hier längst auf vielen Schultern. Ein schöner Luxus, den ich mir heute leisten kann: einen halben Schritt zurück gehen und hören, wie die anderen die Leseecke beschreiben, die sie mit mir gebaut haben. Meine Liebe ist ihre Liebe.
Wenn ich von Propheten spreche, meine ich keine Heiligen. Ich komme aus einer Welt, in der Zahlen beruhigen. Positiver Deckungsbeitrag, grüne Ampeln, das wirkt. Heute ist es ähnlich und doch anders: Wir brauchen keine Propheten, die rufen, sondern Berge, die wir gemeinsam versetzen. Die Gelassenheit entsteht, wenn Wirkung sichtbar wird. Eine Zwischenbilanz, durch und durch positiv. Ich kann darüber reden, ohne zu werben. Weil es nichts zu verkaufen gibt, nur etwas zu teilen.
Und ja, dieses Jahr war wild. Vielleicht weniger Schlagzeilen als 2024, aber unter der Oberfläche ist viel gewachsen. Etwa vierzig Veranstaltungen haben wir gestemmt, einen Förderverein gegründet, doch das ist nicht der eigentliche Sprung. Der eigentliche Sprung ist die Richtung: Die Leseecke ist nicht mehr stationär. Sie geht zu den Kindern. Dorthin, wo sie täglich sind. In die Schule. Genau das sieht man heute an der Hasenheide. Nicht: „Kommt zu uns, wenn ihr könnt.“ Sondern: „Wir kommen zu euch, weil ihr zählt.“
Es ist ein großes Glück, dafür Türen zu finden, die sich nicht nur öffnen, sondern einladen. Christine Fersch, Rektorin, und Susanne Berschneider, Konrektorin, sind solche Türen. Offen, modern, zugewandt. Ich sage es ihnen auch so, nicht in einem offiziellen Satz, sondern so, wie man Danke sagt, wenn man es wirklich meint: Danke, Christine. Danke, Susanne. Für euer Herz, eure Energie, euren Mut, eure Schule in neue Sphären zu tragen. Wir dürfen euch Förderer nennen, und wir sind froh, euch zu kennen.
Zwischendurch erwische ich mich bei einem leisen Lächeln über meine Haare. Die Strähne links hat kapituliert. Ich bestimmt nicht. Aber ich glaube, ich muss heute nichts erkämpfen. Die Montagsberge, diese steilen Wände aus Mails, Plänen und Unsicherheiten, sie sind kleiner, wenn Kinder leise Wörter zu Sätzen zusammensetzen. Wenn ein Blick sagt: “Ich kann das!”
Das ist dann auch Kern der Pressemeldung. Nicht Propheten, die rufen, sondern Berge, die wir montags Schritt für Schritt nehmen. Wir gehen ihn, weil Kinder nicht in die Leseecke kommen müssen. Die Leseecke kommt zu ihnen. Und ja, das meine ich so. Am Ende stehen wir noch einen Moment im Flur. Es riecht nach nasser Wolle und Bleistift. Houman erzählt etwas, Ehrhard nickt, Mechtild winkt den letzten Kindern nach. Ich halte den Atem an und gebe ihn wieder frei. Eine Etappe. Ein Kreis, der sich nicht schließt, sondern größer wird. Ein Kolibri, der kurz über einer Buchseite schwebt.
Ich wünsche euch ein frohes Weihnachtsfest, einen guten Rutsch ins neue Jahr, und ihr dürft gespannt sein, welche neuen Entwicklungen sich 2026 in der Leseecke ergeben werden. Wir können versprechen: Da ist etwas in der Pipeline.
Dankbar, das mit euch teilen zu dürfen,
eure Nicole