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Teil 26: Ich. Frau. Werdend.

Liebes Zukunfts-Ich, meine Herzens-Vertraute,

ich schreibe dir aus einem Jetzt, das sich anfühlt wie ein voller Rucksack auf einer schönen Strecke. Schwer, ja. Aber mit Aussicht. Anstrengend. Und gleichzeitig so kostbar, dass ich manchmal mitten im Tun kurz stehenbleibe und mir selbst zuflüstere: Doch. Das ist echt. Das ist deins.

Diese Woche trägt den Weltfrauentag schon in sich, und ich merke, wie sehr sich dieser Tag für mich verändert hat. Früher war er ein Datum. Heute ist er eher ein Herzschlag. Einer, der mich nicht laut anstößt, sondern von innen erinnert.

Während ich hier schreibe, sehe ich dich vor mir. Mit deinen späteren Augen, die schon viel gesehen haben. Vielleicht auch mit mehr Milde. Das hoffe ich jedenfalls. Ich hoffe, dass das, was ich gerade baue, dich in dreißig Jahren noch berührt. Nicht wie eine erledigte Liste. Eher wie ein Lichtpunkt, der geblieben ist.

Morgen passiert etwas in der Leseecke, bei dem ich dich ganz deutlich spüre. In unserem Raum. In diesem Raum, den wir aus einem Wunsch, viel Mut und noch mehr Arbeit zusammengesetzt haben. Morgen wird dort aus einem Buch gelesen, das Frauen bewegt hat. Und ich frage dich: Erinnerst du dich noch an dieses Kribbeln davor? An dieses leise Bitte lass es gelingen, das man nicht laut ausspricht, weil sonst die Fassung Risse bekommt?

Und dann, am Sonntag: Kino. “Der Tag, an dem die Frauen streikten”. Allein dieser Titel richtet etwas in mir auf. Und ich sitze nicht einfach hinten im Dunkeln. Ich habe diesen Film nach Neumarkt geholt. Ich werde vorne stehen, in der Podiumsdiskussion, werde Fragen hören, Blicke aushalten, Verantwortung tragen. Und ja, ich höre dich schon sagen: Atmen, Nicole. Langsam. Und ich werde atmen. Nicht perfekt. Aber ehrlich.

Weißt du, was mich daran am meisten rührt? Dass ich es kann. Dass ich – ausgerechnet ich, die manchmal an sich zweifelt wie andere am Wetter – im Jahr 2026 Wünsche verwirklichen darf, die lange nur still in mir gewohnt haben. Eine Lesung zum Weltfrauentag. Ein Kinoabend mit Haltung. Ein öffentliches Ja. Kein dekoratives Ja. Ein echtes.

Gestern war so ein Abend, den ich am liebsten in ein Marmeladenglas füllen würde. Ich habe mich umgesehen und da waren sie: Menschen, die nicht einfach mithelfen, sondern mittragen. Ehrenamtliche mit eigenen Geschichten, eigenen Kämpfen, eigenen vollen Leben – und trotzdem mit offenem Herzen da. Für Kinder. Für Bücher. Für diese Idee.

Und ich dachte: Schau nur, wie viel Kraft entstehen kann, wenn Menschen an etwas glauben, das größer ist als sie selbst. Wie Kolibris, leicht und unbeirrbar. Klein vielleicht auf den ersten Blick. Aber voller Richtung.

Diese Energie macht mich demütig. Und, ich sage es ganz leise, auch ein bisschen gefährlich hoffnungsvoll.

Natürlich ist es auch anstrengend. Nicht dieses poetische Anstrengend, das man sich im Nachhinein schönredet. Sondern dieses stumpfe, körperliche Müde. Dieses Ich kann heute eigentlich nicht mehr. Und trotzdem stehe ich morgens auf. Trotzdem gehe ich weiter. Nicht, weil das heldenhaft wäre. Sondern weil manches im Leben nicht fragt, ob man gerade glänzt. Sondern nur, ob man da ist.

Weißt du noch, diese Phase der Krankheiten? Oder ist sie bei dir schon weich geworden, wie alte Fotos, die man zu oft in der Hand hatte? Für mich ist sie noch nah. Nah genug, dass ich manchmal dieses Kellergefühl im Brustkorb wiederfinde. Diese Erinnerung daran, wie knapp Kraft sein kann.

Und trotzdem bin ich weitergegangen. Nicht heldenhaft. Eher trotzig. Eher mit zusammengebissenen Zähnen und diesem eigensinnigen Rest Hoffnung, den mir offenbar niemand ganz nehmen konnte. Irgendwo zwischen Krankheit, Unsicherheit, Hoffnung und dieser waghalsigen Selbstständigkeit haben wir uns selbst das Steuer in die Hand gedrückt.

Es war nicht normal.
Es war mutig. Und beängstigend. Und manchmal kaum voneinander zu unterscheiden.

Heute sitze ich in Neumarkt. Die Sonne liegt über der Stadt, als wollte sie für einen Moment alles leichter aussehen lassen. Menschen gehen vorbei, irgendwo klirrt Geschirr, irgendwo lacht jemand, und ich merke, wie gut es tut, einfach da zu sein. In dieser Stadt. In diesem Leben. In diesem einen Nachmittag.

Vielleicht ist genau das die Wahrheit, die ich dir dalassen will: Glück sieht nicht immer aus wie ein großer Aufbruch. Manchmal sitzt es einfach mit dir in der Sonne und sagt nichts.

Du merkst es sofort, ob ich es ernst meine: Ich bin gern eine Frau. Nicht als Etikett. Nicht als Parole. Sondern als gelebte Wirklichkeit. Als Mutter. Als Ehefrau. Als Unternehmerin. Als jemand, der organisiert, auffängt, entscheidet, zweifelt, weitermacht. Dieses tägliche Jonglieren ist nicht immer schön. Aber es ist mein Leben. Unser Leben.

Vielleicht gratuliere ich mir deshalb in diesem Jahr tatsächlich ein wenig selbst zum Weltfrauentag. Nicht, weil ich alles schaffe. Ganz sicher nicht. Sondern weil ich nicht aufgehört habe, mich zu bewegen. Weil ich lerne, Platz einzunehmen. In einem Raum voller Bücher. In einem Kino. In einer Stadt. In meinem eigenen Leben.

Klingt das pathetisch? Vielleicht. Und vielleicht brauchen wir manchmal genau das – ein bisschen Pathos, um zu spüren, wie weit wir gekommen sind.

Es gibt noch so unendlich viel zu lernen. Noch so unendlich viel zu erleben. Noch so unendlich viel zu schreiben.

Ich freue mich auf dich. Wirklich. Auf die Geschichten in deinem Gesicht. Auf jede Falte als Beweis dafür, dass da Leben war. Viel Leben. Nicht immer leichtes. Aber echtes.

Und wenn du das liest, dann feiere bitte mit mir. Rückwärts durch die Zeit. Feiere diesen Weltfrauentag. Heb ein Glas. Oder eine Tasse. Oder einfach für einen Moment dein Gesicht in die Sonne. Und denk an dieses Herzklopfen im Jahr 2026. An morgen. An Sonntag. An dieses Gefühl, dass sich etwas dreht. Ein Kreis, der sich schließt. Und während er sich schließt, beginnt schon der nächste.

Bis dann, mein Zukunfts-Ich. In Liebe, dein Jetzt-Ich

Nachtrag: Und weil du mich kennst, werden dich diese Fragen nicht überraschen …

P.S.: Haben wir noch unser Traumgewicht?
P.P.S.: Warst du noch einmal auf dem Fuji-San? Und bitte sag mir, dass du es diesmal bis ganz nach oben geschafft hast.