Bitte beachten: Wegen notwendiger Sanitärarbeiten entfallen alle Veranstaltungen in der Leseecke bis einschließlich 19.04.2026.
In dieser Zeit sind auch keine Gruppenbuchungen möglich. Nachholtermine veröffentlichen wir bald auf unserer Webseite.
Lieber Paps,
du warst 50, als du dich noch einmal selbständig gemacht hast. 50 ist nicht unbedingt das Alter, in dem einem die Welt sagt: Fang noch einmal von vorne an. Geh ins Risiko. Verlass das Bekannte. Schau, was passiert. Aber genau das hast du getan.
Du warst ein Macher. Einer, der nicht ewig darüber gesprochen hat, was man vielleicht tun könnte, sondern irgendwann einfach losging. Du hattest keine Angst davor, dich zu verändern. Nicht, weil du geglaubt hast, dass schon alles irgendwie gutgehen würde. Sondern weil für dich zu jeder Entscheidung auch Fehler, Umwege und Veränderungen gehört haben.
Du hast nicht alles richtig gemacht, weil alles perfekt lief. Du hast vieles richtig gemacht, weil du Fehler einkalkuliert, Veränderungen zugelassen und trotzdem weitergemacht hast. Vielleicht denke ich gerade deshalb so oft an dich.
Denn du hast mir nicht nur Erinnerungen hinterlassen. Du hast mir eine Haltung mitgegeben: Wenn etwas nicht mehr passt, dann verändere es. Nicht leichtfertig. Nicht bei jedem Gegenwind. Aber auch nicht aus Angst an etwas festhalten, nur weil es gestern richtig war. Und genau diese Frage begleitet mich gerade bei Kolibris.
Lesen braucht Raum.
So hieß Teil 2 dieses Blogs. Damals war dieser Satz für mich keine Frage, sondern eine Überzeugung.
Kinder brauchen einen Ort, an dem Bücher nicht nach Schule aussehen. Einen Ort, an dem niemand fragt, wie schnell sie lesen, wie viele Fehler sie machen oder ob sie anschließend eine Aufgabe dazu lösen können. Einen Ort mit Büchern, Farbe, gemütlichen Ecken, unserem Thron, Menschen, die vorlesen, und vor allem mit Zeit.
Genau diesen Raum wollten wir schaffen: Kolibris Leseecke.
Ich hatte damals ein ziemlich genaues Bild davon im Kopf. Irgendwann wurde aus diesem Bild Realität. Aus einer Idee wurden Schlüssel, Möbel, Regale und sehr, sehr viele Bücher. Kinder kamen, Ehrenamtliche kamen, Veranstaltungen entstanden, Kooperationen entwickelten sich und irgendwann auch Dinge, von denen ich zu Beginn überhaupt nicht wusste, dass sie einmal zu Kolibris gehören würden.
Aus Kolibris Leseecke wurde mehr als ein Raum. Und vielleicht liegt genau darin heute meine Frage.
Lesen braucht Raum. Oder?
Der Satz fühlt sich heute nicht falsch an. Aber anders. Denn was ist dieser Raum eigentlich?
Sind es wirklich vier Wände, eine Adresse, Bücherregale und Sitzkissen? Oder entsteht Raum nicht auch dort, wo ein Kind sich neben einen Erwachsenen setzt und zuhört? In einer Schule, bei einer Veranstaltung, in unserem Leseclub oder irgendwo mitten im Trubel, wenn ein Kind plötzlich ein Buch entdeckt und für einen Moment alles andere um sich herum vergisst?
Vielleicht braucht Lesen Raum. Aber vielleicht muss dieser Raum nicht immer derselbe sein. Diese Frage ist unbequem, Paps. Denn ich liebe unsere Leseecke. In diesem Raum steckt unglaublich viel von uns: Zeit, Geld, Arbeit, Ideen und Herz. Wenn ich dort hineingehe, sehe ich nicht einfach nur Regale und Möbel. Ich sehe Geschichten und Erinnerungen. Aber ich glaube, du würdest mir genau an dieser Stelle sagen, dass man unterscheiden muss zwischen:
Ich liebe diese Idee. und Deshalb darf sich ihre Form niemals verändern.
Manche Dinge bei Kolibris funktionieren richtig gut. Manche sogar viel besser, als wir es uns am Anfang hätten vorstellen können. Andere weniger. Manche Angebote brauchen unglaublich viel Kraft und erreichen am Ende trotzdem weniger, als wir gehofft hatten. Manche Ideen sehen auf dem Papier großartig aus und passen dann schlicht nicht zum echten Leben.
Und deshalb müssen wir uns auch die unangenehme Frage stellen dürfen: Machen wir etwas noch, weil es sinnvoll ist – oder weil wir irgendwann beschlossen haben, dass wir es machen wollen? Das tut weh, gerade bei einem Herzensprojekt. Natürlich würde ich viel lieber erzählen, dass jede Idee funktioniert, jeder Termin voll ist, alle Kinder begeistert sind und wir einfach immer mehr von allem brauchen.
Aber das wäre nicht ehrlich.
Kolibris war nie perfekt. Wir haben ausprobiert, verändert, verworfen und neu angefangen. Wir haben Fehler gemacht und aus manchen Dingen etwas völlig anderes entstehen sehen, als ursprünglich geplant. Eigentlich genau so, wie du dein Leben gelebt hast: Du hast dich mit 50 nicht selbständig gemacht, weil du sicher wusstest, dass alles funktionieren würde. Du hast es getan, weil du bereit warst, Verantwortung für deine Entscheidung zu übernehmen. Einschließlich Fehlern, Kursänderungen und neuen Wegen.
Und vielleicht ist genau das auch der Punkt, an dem wir heute stehen. Veränderung bedeutet nicht, dass vorher alles falsch war.
Kolibris Leseecke war richtig. Sie ist richtig. All die Kinder, Begegnungen, Bücher, Veranstaltungen und Menschen, die über diesen Ort zusammengefunden haben, werden nicht weniger wertvoll, nur weil wir uns fragen, wie Kolibris in Zukunft aussehen soll.
Vielleicht gehört zum Aufbauen irgendwann auch das Überprüfen.
Brauchen wir diesen Raum in genau dieser Form? Brauchen wir andere Angebote? Müssen wir stärker dorthin gehen, wo die Kinder sind? Müssen wir manches größer denken und anderes kleiner? Was funktioniert wirklich – und was halten wir vielleicht nur noch fest, weil wir einmal so viel Herzblut hineingesteckt haben?
Am Ende muss die wichtigste Frage dieselbe bleiben:
Was hilft den Kindern?
Denn dafür haben wir angefangen. Für Kinder, Bücher, Bildung und Chancen. Für dieses eine Kind, das vielleicht irgendwann ein Buch aufschlägt und plötzlich entdeckt, dass da eine ganze Welt wartet.
Nicht für eine Adresse.
Vielleicht lautet die Antwort am Ende trotzdem: Ja, Lesen braucht Raum. Genau diesen Raum.
Vielleicht lautet sie aber auch: Ja, Lesen braucht Raum. Aber wir müssen neu darüber nachdenken, wie dieser Raum aussieht.
Ich weiß es heute noch nicht.
Und ich weiß ziemlich genau, was du jetzt machen würdest.
Du würdest hinschauen. Rechnen. Nachdenken. Entscheiden.
Und dann machen.
Und wenn sich später herausstellt, dass etwas verändert werden muss, würdest du eben verändern.
Nicht aus Angst vor einem Fehler stehenbleiben, sondern einen Fehler lieber korrigieren, als ihn aus Stolz weiterzuführen.
Vielleicht hast du mir genau das mitgegeben.
Den Mut anzufangen.
Aber auch den Mut, nicht stehenzubleiben.
Ich wünschte, ich könnte dir erzählen, was aus Kolibris geworden ist. Von den Kindern, den Menschen, den Dingen, die wunderbar funktioniert haben, und denen, die grandios danebengegangen sind.
Und wahrscheinlich würde ich dich irgendwann fragen:
“Wann weiß man eigentlich, dass es Zeit ist, etwas neu zu denken?” – ich kann dich nicht mehr fragen, Paps.
Aber vielleicht kenne ich deine Antwort längst: Hinschauen. Keine Angst haben. Entscheiden. Machen. Und wenn nötig: verändern.
Bleibst immer in meinem Herzen, für mich unersetzlich!
Deine Tochter